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Hofgärtner Hermann Sello


Potsdam
Hermann Sello 1848 (Degas)

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Rahel Güntsch

Holde Gärtnersfrau aus Liebenwalde

Bei der Rückschau auf die Gründung des preußischen Staates durch die Selbstkrönung Friedrichs I. in Preußen am 18. Januar 1701 sei die Frage gestattet, wer denn den Königen ihre Gärten anlegte und pflegte, wer ihre Vorliebe für seltene Pflanzen und auserlesene Früchte befriedigte. Die Gartengestaltung hatte einen hohen Stellenwert bei den Fürsten, ja, man sprach von der "löblichen Gartenkunst". Eine dreijährige Lehrzeit und anschließende Reisen zu den berühmtesten Gärten Europas sowie die Spezialisierung bei einem Hofgärtner waren die Voraussetzungen, um eine Anstellung in den königlichen Gärten zu erhalten. Wer dieses Ziel erreicht hatte, versuchte die erworbenen Kenntnisse und geheimen Kniffe an die eigenen Kinder weiterzugeben. So entstanden regelrechte Hofgärtner-Dynastien, deren Leistungen in vielen Publikationen gewürdigt werden. Beinahe unbekannt sind jedoch die Mütter und Frauen an ihrer Seite. Auf der Suche nach der Herkunft und den Lebensumständen preußischer Hofgärtnerfamilien entdeckte ich, daß eine Jungfer aus Liebenwalde dabei eine nicht unwesentliche Rolle spielte.

Eine der berühmtesten Hofgärtnerfamilien wurde mit Johann Justus Sello (1690-1768) begründet. Er war zunächst Gärtner beim Staatsminister Ehrenreich Boguslav von Creutz und erhielt 1718 eine Anstellung als "Königlicher Planteur" im Berliner Tiergarten mit der Verpflichtung, auf einem Terrain am Weg nach Tempelhof eine Baumplantage anzulegen und die Anpflanzungen in und um Berlin zu besorgen /1/.

Kurz zuvor hatte Johann Justus geheiratet: "Jgfr. Rahel Günschen, sel. Herrn Samuel Günschen, gewesen Bürgermeisters in Liebenwalde hinterl. ehel. Tochter", wie aus dem Traueintrag in der Berliner Luisen-Kirche vom 7. März 1718 (S. 192) zu ersehen ist./2/

Im Liebenwalder Kirchenbuch (1693, S. 76) ist mit knappen Worten ihre Taufe eingetragen: "Dom 8 p. Trinit. M. Samuel Güntsch filiam Rahel". Auf die Mutter gibt es keinen Hinweis./3/ Als Paten sind Herr Hofmeister, Herr Einacher oder Finacher, Frau Rückersche, Fr. bürgem... genannt. Nach dem damals gültigen julianischen Kalender fand die Taufe am 6. August 1693 statt. Der Taufeintrag stammt von Pastor Güntsch, der bei seinem Amtsantritt ein neues Kirchenbuch angelegt hatte. Johann Bartholomaeus Güntsch war 1677 von dem Bernauer Probst Schoeppius in sein Amt als Pastor in Liebenwalde eingeführt worden./4/ Er war Rahels Onkel; ihre Mutter hieß Ursula Güntsch geb. Rahdicke, so erfährt man aus Familienunterlagen.

Johann Justus Sello und Rahel, geb. Güntsch, hatten fünf Kinder:

  1. Gertraud, getauft Berlin-Luisenstadt (S. 652) 29.01.1719; Taufpatin war Frau Geh. EtatsRath v. Creutz.
  2. Ehrenreich Wilhelm, getauft Berlin-Luisenstadt 11.10.1722 (S. 73). Herr Ehrenreich Boguslav von Creutz war sein Taufpate und Namenspatron.Als ältester Sohn wird Ehrenreich Wilhelm als Nachfolger seines Vaters königlicher Hofgärtner und Planteur im Berliner Tiergarten. Er starb in Berlin am 29.09.1795./5/ Sein Amt übernimmt sein Sohn Justus Ehrenreich Sello (1758-1818), während Sohn Johann Wilhelm (1756-1822) als Planteur in Potsdam-Sanssouci wirkte.
  3. Johann Samuel, getauft 30.11.1724 Berlin-Neue Kirche (S. 218), er wird königlicher Hofgärtner in Rheinsberg und betreut ab 1747 den Küchen- oder Marlygarten in Potsdam. Ihm wurden außerdem ein Treibhaus, die Sonnehäuser und Treibemauern der sechs großen Terassen vor Sanssouci anvertraut "und Alles kam durch den wackern Mann so prompt in den Stand, daß der König schon am darauffolgenden Geburtstage der Königin Mutter, am 27. März 1748, bei Tafel mit einem Dessert von trefflichen Kirschen, Pflaumen, Pfirsichen, Weintrauben und dergleichen mehr überraschen konnte."/6/ Johann Samuel starb am 16.04.1787 in Potsdam, wo zwei seiner Söhne und zwei Enkel die Hofgärtnertradition der Familie Sello fortsetzten.
  4. Zwillinge Rahel und Anna Catharina, getauft Berlin-Neue Kirche 27.09.1735 (S. 138).

Die Familie Sello wohnte an der Lindenstraße hinter dem Kammergericht /7/, hatte dort ein eigenes Haus und natürlich auch einen eigenen Garten.

In den Jahren 1743 bis 1746 bildete Johann Justus Sello einen Lehrling namens Johann Joseph Nietner (1726-1803) aus, der am 13. Oktober 1755 die jüngere der Zwillingsmädchen, Anna Catharina, heiratete und mit dem eine weitere Hofgärtnerdynastie ihren Anfang nahm. Nach der Hochzeit zog das junge Paar nach Sagan in Schlesien, wo Joseph Nietner als Kunst- und Lustgärtner beim Fürsten von Lobkowitz eine Anstellung gefunden hatte.

1769 wurde er zum Hofgärtner in Schönhausen berufen /8/, dem Sommersitz von Königin Elisabeth Christine (1715-1797), Gemahlin Friedrichs II. Das Schloß Schönhausen liegt in der Gemarkung des Dorfes Niederschönhausen und gehört heute zum Stadtbezirk Pankow von Berlin. Dort also wirkte Joseph Nietner bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1795. Von seinen acht Kindern ergriffen zwei Söhne den Gärtnerberuf und wurden zu Hofgärtnern ernannt, Christian Wilhelm Nietner (1756-1822) und Carl Friedrich Nietner 1766-1824).

Leider wissen wir nicht, wie alt Mutter Rahel wurde. Ein Sterbeeintrag ließ sich bisher nirgends finden. Ihr Ehemann Johann Justus Sello starb nach einem arbeitsreichen Leben am 19.10.1768 im Alter von 79 Jahren "an der Colicke" in seinem eigenen Hause hinter dem Kammergericht (Dom-Berlin, S. 160). Einen Hinweis auf eine nachgelassene Witwe gibt es nicht, lediglich den Vermerk "Seine Kinder sind alle majorenn."

Dagegen können wir mit Gewißheit sagen, daß Rahel Güntsch aus Liebenwalde die Stamm-Mutter von acht königlichen Hofgärtnern Sello und acht königlichen Hofgärtnern Nietner ist. Die Namen ihrer Söhne, Enkel und Urenkel künden von der künstlerischen Gestaltung der königlichen Gärten in Berlin und Potsdam. Ihre Erfahrungen im Umgang mit der jahreszeitlich wechselnden Natur, deren Gesetzen von Werden und Vergehen sowie ihre schöpferischen Fähigkeiten kann man zum Teil noch heute bewundern.

Anmerkungen der Verfasserin zum Aufsatz:

  1. C. A. Wimmer in: Die Preußischen Hofgärtner. Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin Brandenburg 1996, S. 29
  2. Alle Angaben aus Alt-Berliner Kirchenbüchern wurden von mir im Evangelischen Zentralarchiv Berlin ermittelt.
  3. Fritz Vehse nennt das Traudatum der Eltern: 11.11.1678, aber auch nicht den Namen der Braut. Vgl. Der deutsche Roland, Nr. 28, S. 140
  4. Tobias Seiler, Chronik der Stadt Bernau 1736. Übertragung der handschriftlichen Fassung von Karl Bülow. Bernau 1995, Teil II., S. 88.
  5. Vehse, Der deutsche Roland, Nr. 28, S. 140; KB Neue Kirche, S. 232
  6. zitiert bei Wimmer, Die Preußischen Hofgärtner, S. 29 f.
  7. Es könnte sich um das Gelände handeln, auf dem heute das Jüdische Museum (Libeskind-Bau) steht; Stadtbezirk Berlin-Kreuzberg.
  8. Dirk Finkemeier, Elke Röllig und Projektgruppe, Vom >petit palais< zum Gästehaus. Berlin 1998, S. 90 (Brief Joseph Nietners vom 04.09.1802).

Gisela Langfeldt



Bildnachweise: Familienbesitz

letzte Änderung 1.06.2009 22:03 CEST
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