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Hofgärtner Hermann Sello


Potsdam
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Catharina Dorothea Friederike (genannt Riekchen) Persius

"Magdeburg, den 23.März 1808

Gustchen, Du hast wohl recht, wenn Du die Mutter unser sorgsames Mütterchen nennst, oh, welche Freude hat Sie und Ihr alle mir gemacht. Die größte Freude machen mir die Bettchen, woran ich noch nicht gedacht hatte, die gute Mutter hat mich dieser Sorge überhoben.- Denke nur fleißig Deiner Schwester und ihres Maillard, und hoffe so wie wir, zwar nicht auf baldiges, aber auf gewiss glückliches Wiedersehen und dann wirst Du ja noch eine Dritte Person sehen, oh, Gustchen, wie freue ich mich auf meinen kleinen Heinrich, welches mein größter Wunsch ist, denn ich möchte gern den Vater im kleinen haben!"

So schrieb Friederike Persius, älteste Tochter des Weinhändlers Christian-Friedrich Persius, in Potsdam am Alten Markt 11 aus Magdeburg, einer ihrer Stationen der "Wanderschaft" mit ihrem Ehemann Henri Maillard während der Napoleonischen Kriege. Kennen und lieben gelernt hatten sie sich in ihrem Elternhaus. Er war als "Commis aux écritures des fourrages à l'Armée de l'Allemagne", in das Persius'sche Haus einquartiert Als "Commis aux écritures des fourrages", der Rechnungschef (Oberzahlmeister) des Fourragewesens der französischen napoleonischen Armee, ein Zivilbeamter. Aus Briefen von ihm ist zu entnehmen: Sie bezaubert diesen Franzosen durch ihre gute französische Aussprache, durch ihr liebenswürdiges Wesen und nicht zuletzt durch ihr gutes Spiel auf dem Pianoforte. Dass Friederike Persius eine begabte Musikerin und eine kleine Meisterin auf dem Pianoforte gewesen sein muss, geht aus folgendem ihrer Briefe hervor, den sie am 23. Juli 1809 aus Würzburg ihrer Schwester schrieb:

"Liebes gutes Gustchen pp. Ich versprach Dir schon so lange, Dir etwas von Würzburg zu schreiben, ich will jetzt mein Versprechen halten. Würzburg an sich wird mir nie recht gefallen, denn es ist kein Potsdam. Oh Gustchen, glaube mir, es gibt nur ein Potsdam auf der Welt! (Anm.: Maillard ist auf Reisen, Friederike bei dem Registrator Endres untergebracht.). Ich bin immer mit der guten Familie zusammen. Ein großes Esszimmer von sechs Fenstern ist das Wohnzimmer. Oh, wir haben manche vergnügte Stunden zusammen in diesem Zimmer,- der Herr Registrator spielt die Harfe, ein Verwandter des Hauses die Guitarre, ich das Fortepiano, das liebe Hanchen u. Rosalie singen, so machen wir öfters ein kleines Conzert. Doch oft u. wenn 30 Personen zusammen sind, bin ich mit meinen Gedanken abwesend, nichts kann mir zerstreuen als allein die Musik. Das Schloss des Grossherzogs habe ich gesehen, alles aber ist eng gegen unser Sans-souci. Gustchen, wann werde ich alle Schönheiten Potsdams u. Dich wieder sehen?...(Sie ist aber offensichtlich auch in einer Situation, in der Sie sich gegenüber ihrer Familie verteidigen muss)...Eine starke Sehnsucht befällt mich manchmal nach Euch u. allen Schönheiten Potsdams, doch reuet es mich nicht einen Augenblick, meinem guten Manne gefolgt zu sein."

Friederike Maillard, geb. Persius

Catharina Dorothea Friederike (Riekchen) Persius,
geboren 17.11.1787 Potsdam
getauft 30.11.1787 Potsdam St.Nikolai
gestorben 16.08.1850 Potsdam

(Privatbesitz Nachfahren Familie Maillard)
Heirat zivil, Datum u. Ort unbekannt

Jacques Henri Maillard,
geboren 19.04.1780 Boulay sur Andelle (Untere Seine) Frankreich
getauft 19.04.1780
gestorben 12.05.1852 Paris
Jaques Henri Maillard
(Privatbesitz Nachfahren Familie Maillard)

Die nächste Station ist dann Wien. Sie schreibt: "Wien den 6. October 1809, Liebe Eltern und Tante. Ich hoffe Sie werden meinen letzten Brief, welchen ich Ihnen noch in Würzburg schrieb jetzt richtig erhalten haben. Ja, ich bin wieder mit meinem guten Manne vereinigt. Vier lange Monate und 21 Tage waren wir getrennt. Ihren lieben Brief vom 8. August empfing ich am 28. dieses Monats. Ich ersehe daraus, dass Sie liebe Eltern, Tante und Geschwister alle gesund und wohl sind, wofür ich dem Himmel herzlich danke, usw. Ob wir diesen Winter hierbleiben werden kann ich Ihnen noch nicht sagen. Mein Maillard empfiehlt sich Ihrer Liebe u. bittet nur, dass Sie uns bald wieder schreiben mögen. Leben Sie wohl, ich küsse Sie liebe Eltern und Tante tausendmal in Gedanken u. nenne mich Ihre Sie verehrende und liebende Tochter Friederike Maillard". Am 1. Juni 1810 ist sie wieder in Würzburg, und schreibt: "Liebe gute Schwester, Du wirst wahrscheinlich etwas von meiner Reise nach Strassburg wissen wollen. Den 3. April reiseten wir von Würzburg ab, hatten immerfort schönes Wetter u. besten Weg, ich kann gestehen, dass, so lange ich reise, diese die angenehmste aller vorhergehenden war. Wir kamen nach einem viertägigen Marsch in Strassburg an. Die Stadt ist alt u. nicht schön, allein eine Menge Menschen, ein Handel und Wandel kurz völligen Tumult findet man daselbst, wir besuchten die dortige evangelische Kirche, um das Grabmahl des Marschall von Sachsen zu sehen, welches prächtig ist. Wir waren auf den fürchterlich hohen Thurm der Hauptkirche (Münster) doch nicht ganz bis oben, weil ich mit meiner jetzigen Unbehülflichkeit diesen Marsch nicht hätte unternehmen können." Friederike Persius ist also wieder schwanger. Ohne dass Genaueres bislang bekannt ist, muss davon ausgegangen werden, dass ihr erster Henri in Magdeburg bald nach der Geburt gestorben ist. Sie kommt am 01.07.1810 in Würzburg nieder und schenkt wiederum einem Sohn das Leben, den Friedrich August Heinrich Stephan Maillard, genannt Heinrich. Dieses zweite Kind übersteht alle späteren Wirren und Kinderkrankheiten und wird als tüchtiger Königlicher Kellermeister im Dienst der preußischen Könige und deutschen Kaiser seine Mutter überleben. Im Jahre 1812/13 muss Friederike mit ihrem Manne dann wieder zumindest zeitenweise in Potsdam gelebt haben, denn sie schreibt offensichtlich kurz bevor die preußischen und russischen Truppen 1813 in Berlin und Potsdam einrücken an eine Freundin in Paris:

"Liebes gutes Hanchen pp. Mein Mann ist seit fünf Monaten bei mir, wird aber in der künftigen Woche Potsdam verlassen, um nach Paris zu gehen, wo allem Anschein nach er wohl endlich ein ruhiges Ämtchen finden wird. Auch ich und mein beinahe vierjähriger Knabe begleiten meinen Mann."

Das mit dem ‚Ämtchen' in Paris ist so nicht gekommen. Napoleon verliert die große Völkerschlacht bei Leipzig, wird in Paris entmachtet, muss in die Verbannung nach Elba gehen. Auch der letzte Versuch der Bonapartisten, zu denen Henri Maillard zweifellos gehörte, schlägt in der letzten Schlacht bei Waterloo, Belgien, fehl. Napoleon und seine politischen Freunde verlieren alles. So fällt auch Friederike Persius in einem Vorort zu Paris einen harten Winter erlebend mit ihrem Ehemann und dem kleinen Sohn in Armut. Die Mutter ihres Ehemannes hilft mit dem Allernotwendigsten aus. Aus Potsdam kommt keine Hilfe mehr, nachdem ihr Vater am 23. Sept. 1811 verstarb.

Später wurde erzählt, einen schriftlichen Beleg darüber gibt es nicht, dass Friederike Persius von einem Bruder 1815 oder 1816 in Paris besucht wurde und sie mit ihrem Sohn zurück nach Potsdam ging, wo sie von der Familie Brendel, die Familie ihrer Mutter, aufgenommen wurde und entweder Am Neuen Markt 1 im Brendelschen Großelternhaus zusammen mit dieser eine Wohnung bezog oder nach Erwerb des Persiusschen Stammhauses am Alten Markt 11 durch einen Brendelonkel. Das Leben in Paris nach dem Zusammenbruch des bonapartistischen Frankreich wird für sie als Preußin sicherlich nicht angenehm gewesen sein. Ob das Leben als Witwe eines Franzosen im restaurativen Potsdam angenehmer gewesen ist, muss bezweifelt werden. In der Familie Persius wird sie verschwiegen. Es sind keine Briefe und keine Erwähnungen in sonstigen Dokumenten mehr bekannt. Ihr Ehemann wurde rehabilitiert, diente spätestens ab 1823 wieder in der französischen Armee, in Spanien und Algerien, er wurde mit dem Kreuz der Ehren-Legion ausgezeichnet, am 15. Juli 1850 verabschiedet und starb einsam, er hat nicht wieder geheiratet, in Paris am 11. Mai 1852, wie aus französischen Dokumenten hervorgeht.

Friederike erlebte, wie ihr Sohn Heinrich erwachsen wurde, eine Küferlehre in Potsdam absolvierte und nach einer Gesellenzeit im schon damals bekannten Weingut Müller in Eltville/Wiesbaden eine Anstellung im Königlichen Schloss in Potsdam erhielt und bald Königlicher Küfer (Weinschenk) des Hauses Hohenzollern wurde und heiratete. So konnte er seine Mutter zu sich nehmen. Sie erlebte am 17.09.1834 die Geburt einer ersten Tochter, genannt Minna, dann den Tod der Schwiegertochter Minna Goetze am 11. Sept. 1840 und die zweite Ehe ihres Sohnes mit Friederike Wilhelmine Ottilie Seefisch am 4. Jan. 1843. Bevor Friederike am 16. August 1850 verstarb, durfte sie aber noch die Geburt weiterer Enkelkinder erleben, unter anderem die Geburt des Otto Maillard, späteren Hofgärtners. Im Sterberegister der Hof und Garnisonkirche von Potsdam heißt es: "Am 16. (sechzehnten) August 1850 (Eintausendachthundert und fünfzig) ist Friederike Charlotte Maillard geborene Persius eines Kriegskomissarius Witwe im Alter von 63 Jahren an der Wassersucht verstorben." Friederike Persius wurde, anders als ihre Geschwister, nicht auf dem Sello'schen Familienfriedhof in Potsdam-Bornstedt beerdigt. Ein bleibender bitterer Nachklang ihrer Liebe zu einem Franzosen?

KAE, 23. Feb. 2007

Der Verfasser ist Herrn W. Maillard zu großem Dank verpflichtet. Herr Maillard hat eine Ausarbeitung seines Onkels zur Familie Maillard der Familie Sello - Potsdam zur Verfügung gestellt. Die in Kursiv gesetzten Zitate entstammen erhaltenen Briefen der Friederike Persius, die sich im Besitz der Familie Maillard befinden. Die angegebenen Daten entstammen vorliegenden amtlichen Dokumenten bzw. erhaltenen handschriftlichen Schreiben.

letzte Änderung 13.11.2013 00:34 CET
durch sello-webteam